Thesaurierend oder ausschüttend?
Die Frage wird meist mit veralteten Argumenten beantwortet. Seit 2018 gelten andere Regeln.
Bei fast jedem ETF gibt es zwei Varianten derselben Sache. Ein thesaurierender Fonds legt Dividenden automatisch wieder an – im Depot passiert sichtbar nichts, der Kurs steigt einfach. Ein ausschüttender Fonds überweist sie dir aufs Verrechnungskonto, meist quartalsweise.
Bis 2017 war die Antwort einfach: thesaurierend, wegen des Steuervorteils. Diese Antwort steht heute noch in vielen Foren – und sie ist überholt.
Was sich 2018 geändert hat
Vor der Investmentsteuerreform zahlte man bei thesaurierenden Fonds erst beim Verkauf Steuern, oft Jahrzehnte später. Die nicht gezahlte Steuer arbeitete derweil weiter mit – ein handfester Vorteil gegenüber ausschüttenden Fonds, bei denen jede Ausschüttung sofort besteuert wurde.
Seit 2018 gibt es die Vorabpauschale. Sie sorgt dafür, dass auch bei thesaurierenden Fonds jedes Jahr ein Mindestbetrag versteuert wird. Damit ist der Stundungsvorteil weitgehend eingeebnet – genau das war die Absicht des Gesetzgebers.
Ein Rest bleibt. Die Vorabpauschale ist auf den Basisertrag gedeckelt und liegt damit meist unter dem, was ein vergleichbarer Fonds ausschüttet. Wer thesaurierend anlegt, zahlt laufend also tendenziell etwas weniger Steuer und behält mehr im Depot. Der Effekt existiert, ist über 30 Jahre aber deutlich kleiner als der frühere – und er verschwindet ganz, wenn dein Sparerpauschbetrag ohnehin alles abdeckt.
Wann ausschüttend besser ist
Wenn dein Sparerpauschbetrag brachliegt
Jedem Anleger stehen 1.000 € im Jahr steuerfrei zu, Verheirateten 2.000 €. Was du in einem Jahr nicht nutzt, verfällt – es lässt sich nicht ansparen.
Bei einem kleinen Depot fällt die Vorabpauschale so niedrig aus, dass ein großer Teil des Freibetrags ungenutzt bleibt. Ausschüttungen füllen ihn dagegen zuverlässig. Praktisch heißt das: In der Aufbauphase mit kleinem Depot spricht einiges für ausschüttende Fonds, weil du steuerfreie Erträge realisierst, die du sonst verschenkst.
Wenn du vom Depot lebst
In der Entnahmephase liefern ausschüttende Fonds regelmäßige Zahlungen, ohne dass du Anteile verkaufen musst. Das spart Ordergebühren und die Entscheidung, wann verkauft wird. Wie viel dabei tatsächlich netto ankommt, rechnet unser Entnahmeplan-Rechner durch.
Wann thesaurierend besser ist
- In der Ansparphase mit größerem Depot, wenn der Sparerpauschbetrag ohnehin ausgeschöpft ist. Dann wirkt der kleine Stundungsvorteil, und du sparst dir das manuelle Wiederanlegen.
- Wenn du Aufwand vermeiden willst. Ausschüttungen liegen sonst als Bargeld herum und müssen neu investiert werden – jedes Mal mit Ordergebühr und der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt.
- Bei kleinen Sparraten, wo eine Wiederanlage von 12 € Dividende an der Mindestordergröße scheitert.
Der teuerste Fehler: umschichten
Wer nach diesem Artikel überlegt, seinen bestehenden thesaurierenden ETF in einen ausschüttenden zu tauschen, sollte innehalten. Ein Tausch ist steuerlich ein Verkauf. Auf den gesamten bisher aufgelaufenen Kursgewinn wird sofort Abgeltungsteuer fällig – bei 26,375 % abzüglich Teilfreistellung von 30 %.
Ein Beispiel: 50.000 € Depotwert, davon 20.000 € Gewinn. Der Tausch kostet rund 3.693 € Steuer – sofort, und dieses Geld erwirtschaftet nie wieder Rendite. Der laufende Unterschied zwischen beiden Varianten liegt bei einem Depot dieser Größe im zweistelligen Eurobereich pro Jahr. Es dauert also Jahrzehnte, bis sich das rechnet, wenn überhaupt.
Der sinnvolle Weg, wenn du die Ausschüttungsart wechseln willst: Bestand liegen lassen und den Sparplan auf den anderen ETF umstellen. Dann wächst über die Jahre der neue Bestand, ohne dass eine einzige Steuerzahlung ausgelöst wird.
Den Unterschied selbst durchrechnen
Der Sparplan-Rechner setzt Vorabpauschale, Teilfreistellung und Sparerpauschbetrag korrekt an.
Zum Sparplan-RechnerDie ehrliche Zusammenfassung
Die Entscheidung ist weit weniger wichtig, als das Internet suggeriert. Beide Varianten halten dieselben Aktien, liefern dieselbe Bruttorendite und unterscheiden sich steuerlich seit 2018 nur noch in Nuancen. Wer sich lange damit aufhält, optimiert an der falschen Stelle.
Ungleich wichtiger sind: die Sparrate, die Haltedauer, die Fondskosten (TER) und ob du in einem Crash investiert bleibst. Ein um 0,2 Prozentpunkte teurerer ETF kostet über 30 Jahre mehr als der gesamte Unterschied zwischen thesaurierend und ausschüttend.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich, welche Variante ich habe?
Am Namen und an der ISIN. Thesaurierende Fonds tragen oft „Acc" (accumulating) oder „C" im Namen, ausschüttende „Dist" oder „D". Im Zweifel steht es im Factsheet unter „Ertragsverwendung".
Kann ich beides parallel besparen?
Ja, und das ist manchmal sinnvoll: einen ausschüttenden ETF, bis der Sparerpauschbetrag gefüllt ist, den Rest thesaurierend. Der Aufwand lohnt sich aber erst bei größeren Beträgen.
Gilt die Teilfreistellung für beide gleich?
Ja. Die Teilfreistellung von 30 % hängt am Aktienanteil des Fonds, nicht an der Ertragsverwendung. Sie gilt für Ausschüttungen, Vorabpauschalen und Verkaufsgewinne gleichermaßen.
Steuerwerte Stand: 5. September 2026 · Alle Annahmen und Quellen
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Dieser Artikel stellt keine Steuer-, Rechts- oder Anlageberatung dar. Steuerberatung ist nach § 5 StBerG den steuerberatenden Berufen vorbehalten; eine Anlageberatung nach § 34f GewO findet nicht statt.